Ich habe mir kürzlich einen Bericht des Wall Street Journal durchgelesen, der mich ziemlich schockiert hat – und das, obwohl ich in der Krypto-Szene eigentlich nicht mehr leicht zu überraschen bin. Es geht um Polymarket, eine der bekanntesten Prognose-Plattformen im gesamten Krypto-Bereich.
Offiziell ist Polymarket in den USA seit 2022 für amerikanische Bürger gesperrt, da es eine entsprechende Vereinbarung mit der US-Regulierungsbehörde CFTC gibt. Doch wie die journalistischen Recherchen nun aufgedeckt haben, führt das Unternehmen hinter den Kulissen eine groß angelegte, verdeckte Kampagne, um gezielt die Aufmerksamkeit von US-Nutzern zu gewinnen.
Dabei kamen manipulierte Wetten, hochbezahlte Influencer und eine regelrechte Armee von Social-Media-Arbeitern zum Einsatz. Das ist nicht nur moralisch höchst fragwürdig, sondern könnte für die Plattform auch massive juristische Konsequenzen haben.

Die drei zentralen Enthüllungen der WSJ-Recherche
Die Journalisten haben für ihren Bericht über 1.100 Videos analysiert, mehr als 100 Content-Creator befragt und die verdeckten Geldflüsse im Hintergrund nachverfolgt. Dabei sind drei Kernmechanismen ans Licht gekommen:
1. Die Illusion des Erfolgs: Die Masche mit der Klon-Domain
In gut 70 % der untersuchten Videos platzierten die Creator ihre Wetten gar nicht auf der echten Plattform, sondern auf einer eigens dafür eingerichteten Testseite. Der entscheidende Clou lag in der Internetadresse: Die Kampagne nutzte die sogenannte Typosquatting-Domain poiymarket.com. Auf den Bildschirmen von Smartphones ist der Unterschied zwischen dem kleinen „i“ und dem originalen „l“ für das bloße Auge praktisch nicht zu erkennen. Für die Zuschauer sah es daher perfekt nach der echten Plattform aus.
Auf dieser Dummy-Seite setzten die Creator beträchtliche Budgets ein – insgesamt rund 1,9 Millionen Dollar. Dieses Geld stammte jedoch komplett von Polymarket selbst. Die Influencer riskierten also kein eigenes Kapital, verkauften den Nervenkitzel aber als ihr persönliches Risiko. Kaum einer von ihnen legte die Partnerschaft offen, bis das Wall Street Journal gezielt nachfragte.
Besonders dreist: In etwa jedem zehnten Video wurden völlig erfundene Gewinne im Gesamtwert von fast 900.000 Dollar inszeniert, oft untermalt mit alten Archivaufnahmen oder frei erfundenen Schlagzeilen.
Das WSJ hat nachgerechnet: Hätten echte Nutzer genau dieselben Wetten in der Realität platziert, hätten sie unter dem Strich mehr als 166.000 Dollar verloren. Das ist kein Marketing mehr – das ist systematische Täuschung.
2. Eine tnebelhafte Klick-Armee aus Asien
Um die Videos viral gehen zu lassen und in die Algorithmen von TikTok und Instagram Reels zu drücken, arbeitete Polymarket mit Tausenden von Niedriglohn-Arbeitern zusammen, darunter viele Teenager aus Asien. Ihre Aufgabe war es, die Clips über ein Netzwerk von sogenannten Sockpuppet-Accounts (Scheinkonten) massenhaft zu teilen und zu liken, ohne dass eine Verbindung zu Polymarket erkennbar war.
Die Vorgabe des Unternehmens war dabei besonders perfide: Die Arbeiter wurden nur dann bezahlt, wenn nachweislich mindestens 60 % der Zuschauer aus den USA stammten. Und das, obwohl die Plattform dort offiziell gar nicht operieren darf. Diese Taktik diente gezielt dazu, die Geoblocking-Sperren zu umgehen und im Zielgebiet künstlichen Hype zu erzeugen.
3. Insider-Informationen als kalkulierter Werbegag
Öffentlich gibt sich Polymarket-CEO Shayne Coplan stets als Hüter der Fairness. Auf der Website heißt es unmissverständlich, dass Insiderhandel strengstens verboten ist. Entsprechende Vorwürfe wischte die Führung in der Vergangenheit als „abwegig und haltlos“ beiseite.
Die Realität hinter den Kulissen sieht jedoch anders aus: Das Unternehmen zahlte Millionen an Top-Streamer wie Adin Ross und finanzierte Kampagnen für mindestens 18 weitere Creator. Deren Aufgabe war es, in ihren Videos explizit darüber zu sprechen, wie leicht man auf Polymarket Kasse machen kann, wenn man über exklusive Insider-Informationen verfügt. Diese Doppelmoral beschädigt die Integrität und Glaubwürdigkeit der gesamten Plattform fundamental.
Einordnung aus Sicht der Krypto-Community
Das Ganze ist kein Kavaliersdelikt und weit mehr als ein aggressiver Marketingfehler. Polymarket hat zweifellos ein technisch starkes Produkt aufgebaut. Aber die Methoden, mit denen Liquidität und Reichweite erzwungen wurden, grenzen an betrügerische Praktiken.
Besonders schwer wiegen dabei vier Punkte:
- Die absolute Intransparenz gegenüber der eigenen Community.
- Die gezielte Täuschung von Neueinsteigern durch gefälschte Gewinne auf einer Klon-Domain.
- Die Ausbeutung von billigen Arbeitskräften im Ausland, um regulatorische Verbote auszuhebeln.
- Die Heuchelei beim Thema Insiderhandel.
Mich erinnert dieses Vorgehen stark an die unrühmlichen Grauzonen-Praktiken der Krypto-Vergangenheit, in denen rücksichtsloses Wachstum über Gesetze und Ethik gestellt wurde. Und wir alle wissen aus Erfahrung, dass ein solches Katz-und-Maus-Spiel mit den Regulierungsbehörden selten gut ausgeht.
Was bedeutet das für die Nutzer?
Die Enthüllungen werden zweifellos rechtliche Konsequenzen nach sich ziehen. Die US-Handelsbehörde FTC versteht bei verschleierter Schleichwerbung keinen Spaß, und die CFTC hat bereits angekündigt, den Druck auf Prognosemärkte massiv zu erhöhen. Im US-Kongress wurden bereits erste Prüfungen eingeleitet, woraufhin Polymarket einen internen Audit seiner Werbekampagnen ankündigte.
Wer Polymarket aktiv nutzt oder dort Kapital einsetzen möchte, sollte sich der Mechanismen im Hintergrund bewusst sein. Die technische Abwicklung mag funktionieren, aber das Vertrauen in die Marke ist nachhaltig beschädigt.
Das Fazit bleibt einfach: Bleibt wachsam, hinterfragt jeden vermeintlichen Hype in den sozialen Medien und glaubt niemals blind den Screenshots von schnellen Millionen-Gewinnen.